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Warum arbeitest Du eigentlich Teil 2

Warum arbeitest Du eigentlich Teil 2

Im vorletzten Beitrag habe ich das erste Mal die Frage gestellt: Warum arbeitest Du eigentlich? Und die Resonanz darauf war überwältigend. Offensichtlich eine Frage, die uns alle umtreibt. Warum tue ich überhaupt was ich tue? Natürlich kann und will ich diese Frage nicht für jeden tatsächlich beantworten, aber ich kann und will in diesem und in noch ein paar weiteren die Frage weiterhin aufgreifen, was der Komplexität des Themas geschuldet ist. Dabei geht es weniger um eine philosophische Betrachtungsweise sondern vielmehr um neurologische Grundbedürfnisse die uns alle irgendwie antreiben. Während es im ersten Beitrag um "Zughörigkeit" ging, schauen wir diesmal auf das Thema "Anerkennung".

In jedem Jahr hören wir wieder von neuen Studien, wie wichtig Anerkennung für die Bindung von Mitarbeitern ist. Aber nicht nur das, auch für die Motivation ist sie ausschlaggebend. Nun sind wir Deutschen nicht gerade ein unglaublich überschwängliches Volk, vom Fußball einmal abgesehen ... Wir gehören mehr so in die Abteilung „Nicht kritisiert ist Lob genug!“ Aber was hat Lob jetzt genau mit Anerkennung zu tun? Gibt es Anerkennung auch in anderen Formen? Muss ja, denn durch Prämienzahlungen wird ja auch immer noch sehr gern Anerkennung ausgedrückt, auch wenn diese inzwischen in Verruf geraten sind. Nicht ganz zu recht, wie ein Blick in unser Gehirn zeigt.

Ratten stehen auf Elektroschocks

1954 stolperten die US-Forscher James Olds und Peter Milner vom California Institute of Technology eher zufällig über das Belohnungssystem im Gehirn von Ratten. Ihr eigentliches Ziel war, etwas über die Systematik von Lernprozessen herauszufinden. Dazu implantierten sie ihren Ratten Elektroden ins Gehirn, um ihnen bei Bedarf einen Impulsreiz zu setzen. Versehentlich setzten sie bei einer Ratte die Elektroden an der falschen Stelle ein, was für eine nicht unwesentliche Überraschung sorgte: das Tier fand den Elektroschock super und kehrte immer wieder an die Stelle im Versuchskäfig zurück an der es den Impuls bekommen hatte. Hellhörig geworden, gaben Olds und Milner bei weiteren Experimenten ihrer Ratte die Möglichkeit, sich mit einem Hebel selbstständig einen Stromschlag zu verpassen und siehe da: das Tier drückte nach ein paar Minuten Lernzeit regelmäßig auf den Hebel und zwar alle fünf Sekunden!

Unser Hirn steht auf Belohnungen

Die Wissenschaftler dehnten das Experiment auf mehrere Tiere aus und das Ergebnis wiederholte sich. Darüber hinaus stellten sie fest, dass das Verhalten sich scheinbar selbst verstärkte. Mit jedem Auslösen des Reizes schien der Drang den Hebel noch einmal zu drücken stärker zu werden. Dies ging soweit, dass die Tiere erschöpft zusammenbrachen und sogar das angebotene Futter und Wasser verschmähten. Seitdem sind Wissenschaftler dabei, das Belohnungszentrum im Hirn zu erforschen. Wo es sitzt, wie es funktioniert und was es dazu benötigt. Aktuell weiß man, dass es keine spezielle Region im Gehirn gibt, die man als Belohnungszentrum ausweisen könnte. Vielmehr handelt es sich um eine Art Schaltkreis bei dem verschiedene Hirnregionen beteiligt sind. So sind entwicklungsgeschichtlich jüngere Regionen mit älteren Regionen verknüpft. Die Großhirnrinde ist für das Verlangen zuständig und funkt unter anderem den Hippocampus und das limbische System an. Fast wie in Otto Walkes legendärem Sketsch „Kleinhirn an Großhirn“.

Und genau wie im Sketsch gibt es am Schluss eine Rückmeldung an die Großhirnrinde, ob der Befehl ausgeführt wurde. Botenstoff für diesen Austausch ist Dopamin. Auch wenn es häufig noch fälschlich angenommen wird: Dopamin ist nicht für das Hochgefühl zuständig, welches wir so lieben und gemeinhin auch als Glück bezeichnen. Hierfür sind körpereigene Opiate, die Endorphine, Oxytocin und andere Botenstoffe zuständig. Dopamin ist vielmehr für die Erwartung, also die Vorfreude zuständig. Das bedeutet, dass eine Belohnungsreaktion im Gehirn in dem Moment gestartet wird, in dem wir eine Belohnung erwarten. Im Prinzip könnte man auch vom Motivationssystem sprechen, zumindest, bis zu dem Punkt der Reaktion, wo das tatsächliche Ergebnis über den weiteren Verlauf der Gehirnreaktion entscheidet. Tritt das erwartete Ergebnis, also der Belohnungsreiz ein, feiern Endorphine, Oxytocin und ein paar weitere Stoffe eine kleine Glücksparty in unserem Kopf. Jeder weiß, wie sich das anfühlt. Und Wertschätzung, Anerkennung, Sympathie und natürlich Liebe lösen diese großartige Party in unserem Kopf aus.

Zutaten für den Glückscocktail: Endorphine, Oxytocin und körpereigene Opiate

Johannes Bauer - Arbeit

Wertschätzung, Anerkennung und Sympathie dienen – wenn man es einmal aus der Perspektive der Familie Feuerstein betrachtet – wieder der Gruppenzugehörigkeit. Als Jäger und Sammler war man damals einfach besser dran und das Überleben so einigermaßen gesichert. Zu dieser Zeit haben sich Fred und Wilma ihre Anerkennung und Wertschätzung in der Gruppe dadurch gesichert, dass sie nette und nützliche Gruppenmitglieder waren. Und wodurch wurden die Feuersteins nützlich? Durch den Beitrag, den sie zur Gemeinschaft leisteten: ihre Arbeit ... Joachim Bauer – Neurobiologe, Mediziner und Bestsellerautor – schreibt dazu in seinem Buch „Arbeit – Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht“:“Auch wenn es vielen möglicherweise nicht bewusst sein mag, so ist es doch eine Tatsache: Ein zentrales, neurobiologisch (!) begründetes Motiv für die Bereitschaft des Menschen zu arbeiten ist der Wunsch nach direkter oder indirekter Anerkennung.“ (Mit einem Klick auf das Bild gelangst Du direkt zum Buch)*

Jetzt ist natürlich die Preisfrage: Was ist Anerkennung? Ist es die so oft eingesetzte Prämie? Oder ist es ein Schulterklopfen? Ein Lob? Eine freundliche Geste? Was denn nun? Die klare Antwort: es kommt darauf an ... Es kommt darauf an, welche Erfahrungen Menschen bzw. ihr Motivationssystem gemacht hat. Denn, wird das Motivationssystem enttäuscht, dann läuft eine andere Reaktion im Gehirn ab. Jetzt wird ein Teil des Gehirns aktiv, der auch bei körperlichen Schmerzen das Sagen hat: die Insula.

Arbeitswelt und ihre stressbedingten Erkrankungen

Prof. Dr. Johannes Siegrist schreibt dazu in seinem Buch „Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen“: „Es scheinen damit enge Verbindungen im Gehirn zwischen emotionalen und körperlichen Schmerzempfindungen zu bestehen, vor allem dann, wenn sich ersehnte zwischenmenschliche Belohnungen zerschlagen oder wenn ein schwerwiegender Vertrauensbruch erfahren wird.“ Und findet unser Gehirn körperlichen Schmerz toll? Natürlich nicht. Also lernt es, seine Erwartungen massiv herunter zu schrauben. Studien der Universität of Wisconsin belegen diesen Effekt. Die Wissenschaftler des Instituts untersuchten zwei Gruppen von Vierjährigen. Die eine Gruppe hat ihre ersten Lebensmonate in osteuropäischen Heimen verbracht zu einer Zeit, in der füttern und wickeln als ausreichende Zuwendung galt. Die Kinder wurden mit ca. einem Jahr von amerikanischen Familien adoptiert. Die zweite Gruppe wuchs von Geburt an bei ihren Eltern auf. Die Forscher interessierten sich vor allem für die Reaktionen der Kinder auf körperliche Zuwendung z.B. eine Umarmung. Dabei stellten sie durch Urinuntersuchungen fest, dass die Kinder aus der ersten Gruppe auf dieselbe Zuwendung viel schwächer reagierten. (Mit einem Klick auf das Bild gelangst Du direkt zum Buch)*

Anerkennung ist so individuell wie der Empfänger

Auch ist der genaue Anerkennungscocktail aus monetärer Zuwendung, aufmunterndem Lob oder auch das Übertragen von verantwortungsvollen Aufgaben individuell verschieden. Mit anderen Worten: Ja, Geld kann als Anerkennung funktionieren, aber eben nicht – wie so oft praktiziert – als alleiniges Mittel und auch nicht bei jeder Person. Es kommt auf die Person an, der die Anerkennung zu Teil werden soll. Wer jetzt denkt das sei zu schwierig, der stelle sich doch einfach einmal er solle zwei verschiedenen Personen aus seinem Umfeld seine Anerkennung so ausdrücken, dass es der Person auf jeden Fall gefallen würde. Die eine Person ist die Partnerin bzw. der Partner und die zweite Person ist ein Kind, entweder das eigene oder eines das Dir nahesteht.

Wer mit Anerkennung knausert, spart am falschen Ort

Würdest Du Deine Anerkennung mit Geld ausdrücken? Vielleicht. Es kommt drauf an. Bei meinem Sohn (gerade 13 Jahre alt) hätte dies vor ein paar Jahren noch nicht funktioniert, aber inzwischen kann er den Wert ganz gut einschätzen und es würde funktionieren. Allerdings käme auch eine Stunde Playstationzeit gerade richtig gut an und eine Umarmung wenn es keiner sieht ist immer gern genommen ... Wenn ich meinem Mann einen 50 EUR Schein in die Hand drücken würde, würde er vielleicht lachen, aber etwas irritiert wäre er schon. Während zwei Karten für das nächste St. Pauli Spiel oder ein heiß ersehntes Ersatzteil für seinen VW Bulli sicher besser ankommen würden ...

Anerkennung hat auch immer etwas mit „gesehen werden“ zu tun. Echte Anerkennung ist auch immer die Anerkennung unserer Individualität, unserer Einzigartigkeit, unserem Tun einen Sinn zu geben. Geld vermag dies nur zu einem gewissen Teil auszudrücken. Selbst bei hochgradig incentivierten Jobs wie im Vertrieb, reicht Geld allein nicht aus, denn Geld bekommst Du in jedem Job und wenn Du richtig gut bist auch viel Geld, darum ist die nichtmonetäre Form der Anerkennung vielleicht wichtiger als die monetäre, denn über leistungsgerechte Bezahlung muss man nicht mehr sprechen: die ist selbstverständlich.

Joachim Bauer schreibt dazu in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“: “Nichts aktiviert die Motivationssysteme im Gehirn so sehr wie der Wunsch,von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und – erst recht – die Erfahrung von Liebe ... Alle Ziele, die wir im Rahmen unseres normalen Alltags verfolgen, die Ausbildung oder den Beruf betreffend, finanzielle Ziele, Anschaffungen etc., haben aus der Sicht unseres Gehirns ihren tiefen, uns meist unbewussten Sinn dadurch, dass wir damit letztlich auf zwischenmenschliche Beziehungen zielen, das heißt, diese erwerben oder erhalten wollen. Das Bemühen des Menschen, als Person gesehen zu werden, steht noch über dem, was landläufig als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet wird.“ 

Mit anderen Worten, Anerkennung kommt in vielen unterschiedlichen Formen daher. Es kommt eben ganz stark darauf an, wie der Anerkennungsempfänger gepolt ist. Und gerade in der heutigen Zeit, die extrem auf Äußerlichkeiten getrimmt ist, ist Geld durchaus ein Faktor, der zu Anerkennung führt. Aber und das ist für Führung existenziell: es ist nicht der Einzige und ohne weitere Faktoren funktioniert er eben nicht.

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